1. Schwäbisches Erziehersymposion im November 2002
Thema: Riskieren wir eine vernachlässigte Generation? Warum Kinder Werte brauchen!

rogg1


Begrüßung der 150 Teilnehmer (Erzieherinnen und Lehrer aller Schularten) durch Bezirksvorsitzende Ursula Kiefersauer

Kommen unsere Kinder das, was sie für eine gute Zukunft brauchen? Materielle Übersättigung und ideelle Verarmung ist vielfach festzustellen. Thema ist für KEG als Berufsverband auf der Basis des christlichen Menschenbild (mit über 3000 Mitgliedern in Schwaben) besonders wichtig – in Mindelheim bei einer Veranstaltung zur gleichen Thematik letzte Woche über 500 Eltern und Erzieher

1. Referat: Frau Holzner, ADin bei der Regierung von Schwaben

Sind unsere von Medien überfrachtete Kinder vernachlässigt? Was können wir in Schule, Kindergarten und Familie tun?

Kinder brauchen Zeit

  • auch wir brauchen Zeit für die Kinder, möglichst viel Unterrichtszeit ist notwendig; Formen individuellen Lernens müssen verwirklicht werden, damit mehr Zeit für den einzelnen bleibt; Mittagsbetreuung, Ganztagsbetreuungen, Ganztagsschulen müssen angeboten werden, Geduld für langsame Kinder

  • eigene Lehrerzeitorganisation muss überprüft werden (vor und nach dem Unterricht; Nachmittagszeit; Autofahrtzeit zur Schule; Klassenstärken müssen weiter schrittweise reduziert werden; mehr Anrechnungszeit für Schulleiter)

Kinder brauchen Primärerfahrungen

  • durch den Medienkonsum haben die Kinder viel zu wenig Primärerfahrungen; werden körperlich krank; Kommunikationsfähigkeit geht verloren; Kinder werden zu früh mit der Erwachsenenwelt konfrontiert;

  • auf richtigen Stellenwert und Zeitrahmen für Medienkonsum achten; mit den Kindern hinaus in die Natur. Viele gute Ansätze gibt es bereits: Schulgarten, Wanderungen, Unterricht vor Ort...; wir müssen unterstützen, dass die Kinder von der Schule in die Natur hinaus können; mögliche Frage für Schulentwicklung: Was kann ein Kollegium tun, damit Kinder möglichst viel Primärerfahrungen machen?

Kinder brauchen Gemeinschaft

  • soziales Lernen: PA, GA; Aufbauen sozialer Kompetenz; Teamfähigkeit: könnte auch in Abschlusszeugnissen verzeichnet werden

  • Sozialverhalten ist auch leistungsfördernd (Tutorensystem)

  • soziales Lernen ist die beste Gewaltprävention (Streitschlichtermodell sehr effektiv)

  • Sozialverhalten auch im Kollegium von großer Bedeutung für Werteerziehung an Schulen: Teamarbeit; Gespräche ...

Kinder brauchen Grenzen

  • Kindern brauchen Konsequenz auch in kleinen Bereichen: Umgangston, ...

  • dazu ist ein großes Selbstbewusstsein der Lehrerschaft Voraussetzung, so kann man Grenzen aufzeigen und wird nicht ängstlich; keine „Kultur des Wegschauens"

  • Kindern muss der Unterschied zwischen Person und Verhalten klar gelegt werden

  • professionelles Erzieherverhalten muss von Anfang an in die Ausbildung gelegt werden (Schulinterne Lehrerfortbildung, regionale und überregionale Lehrerfortbildung)

  • Vernetzung von Erziehungshilfen und Angeboten im „Netzwerk Erziehung an Schulen" mit Sozialpädagogen, Psychologen...

Kinder brauchen Vorbilder

  • Junge Lehrer müssen wissen, was auf sie zukommt (wichtig für die Ausbildung) Pestalozzi: Erziehung ist Liebe und Vorbild

Schlussgedanke:

  • Lehrer haben sich in ihrem Beruf eine ganz große Verantwortung ausgesucht; wir müssen unsere Ermessensspielräume ausnutzen

  • Bild: Kinder sind „Staffelläufer"

  • sinngemäßes Zitat: Ich wünsche dir Mut für den Tag, die Stunde und all dein Beginnen...

2. Referat: Prof. Dr. Wiater, Universität Augsburg

Kinder brauchen Werte!
Wenn wir der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht mehr Aufmerksamkeit
widmen, riskieren wir eine vernachlässigte Generation und sogar unsere eigene Zukunft! – Wir müssen demnach noch viel mehr investieren.

Warum brauchen Kinder Werte?
für ihre individual-soziale Persönlichkeitsentwicklung und für ein friedliches und humanes Zusammenlebens in der Gesellschaft

Wertorientiert denken und handeln lernen - Der Beitrag der Schule

1. Alles menschliche Verhalten wird erlernt, auch die Wertorientierung

Werte sind nicht nur Urteile und Normen, sondern auch „die Stimme des Gewissens" - im Menschen gibt es ein ursprüngliches Wissen um Sinn, das aber entwickelt werden muss, es gibt eine Verschiedenheit vom Sinnverständnis (abhängig von sozialen Institutionen und Erbanlagen = individuelle Persönlichkeit). Werte werden durch Lernprozesse erworben.

2. Die Anerkennung objektiver Verpflichtungen nimmt seit den 70er/80er Jahren ab.

Wir haben seit den 70er Jahren eine abnehmende Bereitschaft bei den Erwachsenen, für herkömmlich Werte einzutreten; die Jugendlichen wollen Werte (vgl. Shell-Studie)
aber: H. Mann spricht von: „Generation als Egotaktiker"
Jugendliche entwerfen ihre Regeln für das Verhalten selbst; der Wert dahinter ist vielfach ein Egotaktischer

3. Ein Minimalkonsens von Werten / Verhaltensweisen ist nötig und möglich

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, was sich stark auf die Werte auswirkt
Wir brauchen eine Basis, die unabhängig von ideologischen und religiösen Ideen ist; solch eine ist nach Zimmerli folgende:
Der Mensch als einem Geist, Seele Leib -Wesen: das Prinzip der Verallgemeinerbarkeit (d. h. das Verhalten muss von jedem Kind in gleicher Weise in Anspruch genommen werden können)
das Prinzip der Gleichbehandlung und Fairness (keinen Unterschied machen)
das Prinzip der Humanitätsverpflichtung (d.h. Achtung der Menschenwürde und Berücksichtigung der Menschenrechte)

4. Werte werden mit Kopf, Herz und Hand (Pestalozzi) erlernt

Wertorientierung bedarf der direkten Instruktion in allen Unterrichtsfächern
Aber auch in anderen Formen der Vermittlung und des Erlernens
Gewohnheiten und Rituale, Projektarbeit, Lernteams, Gruppenarbeit, offene Lernformen, Vorbilder, Schulkultur, Schulprogramm

5. Das Selbstwertgefühl ist die Grundlage für alles Werten

Werten hat ganz viel mit Gefühl zu tun, dazu ist der Selbstwert entscheidend: Grundwert nach Frankl: „Ich bin und es ist gut, dass es mich gibt" - wie wird Selbstwert aufgebaut (nach Frankl)?
      
o Bedürfnis nach Kompetenz und Wirksamkeit muss befriedigt werden
      
o Streben nach Autonomie
      
o Bedürfnis nach Zugehörigkeit in einer sozialen Gemeinschaft
Weiter wichtig sind Erlebniswerte, kreative Werte, Einstellungswerte (Frage nach dem Sinn und der Sinnlosigkeit: wofür ist etwas gut?)

6. die Schule muss die Wertorientierung bewusster planen

in allen Schulfächern müssen die Inhalte auf wertrelevante Aspekte abgeklopft werden
Kultur an der Schule, Schulleben, u. a.

verhaltenssichernde Regeln und Ordnungen
Otto Speck: „Schule muss eine haltgebende Lebenswelt sein"
M. Montessori: „Die innere Ordnung entsteht durch die äußere Ordnung"
Schulentwicklungsprozess (das Kollegium sollte sich auf eine gemeinsame
Erziehungsphilosophie einigen)

7. Schlussgedanke: Die Bedeutung der Lehrkraft bei Wertorientierung ist gestiegen

Es kommt nicht unbedingt darauf an, was man tut, sondern wie man es tut und wie der Mensch gegenüber das Handeln in seiner inneren Logik verarbeitet.

Rege Diskussion im Anschluss

Lernen: Man lernt nur, was einem innerlich von Bedeutung ist auf der Grundlage der Denkstrukturen, die man aufgebaut hat
Sprache ist die Basis für die Lernentwicklung
Elternbildung muss organisiert werden,
Eltern mehr in das Schulgeschehen miteinbeziehen
Schule und Lehrer können die Probleme der Schüler nicht lösen, das muss jeder selbst, aber sie können Hilfen anbieten

Von 14- 15.30 Uhr Arbeitskreise
podiumDanach im Plenum: Kurze Statements der Referenten:

Beate Schabert-Zeidler, Elternbeirätin/Verwaltungsrichterin:

- gute Zusammenarbeit zwischen Elternbeirat und Schulleitung ist entscheidend;

- die Eltern sollen in die Schule geholt werden

- Beispiele für erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus

Siegfried Schneider, MdL, Kupo Ausschuss-Vorsitzender:

- Trotz Pisa-Studie dürfen Auftrag der Schule und Bildungsverständnis nicht eingeschränkt werden auf abfragbares Wissen; auch die Fragen der musischen und religiösen Erziehung und Werteerziehung muss im Blick bleiben; Sozialkompetenz und Selbstkompetenz ist wichtig, um Leistungen zu bringen

- Werte müssen erfahrbar gemacht werden; es reicht nicht zu lernen, was Werte sind und wie man mit ihnen umgeht; sondern man muss konkrete Situationen im Alltagsgeschehen nutzen, um diese Werte erfahrbar zu machen.

- Mehr frei verfügbare Stunden, um mehr Entscheidungsmöglichkeiten für die Einzelschule zu gewinnen

- Werteerziehung kann nur in der Zusammenarbeit zwischen Elternhaus, Schule und Kindergarten gelingen

- Die Ganztagsschule ist äußert wichtig; wichtig ist aber auch die Freiwilligkeit und die Einbindung des Umfelds der Schule (Eltern, Vereine, andere soziale Strukturen)

- Den einzelnen Schulen muss mehr Eigenständigkeit und Eigenverantwortung zugestanden werden; die Schulen müssen aber auch zulassen, dass der Staat Standards überprüft.

Pater Theophil Gaus, St. Ottilien

  • Werte aus der Sicht der Kirche sollen Werte aus Sicht der frohen Botschaft sein in Form von Selbstliebe, Nächstenliebe, Gottesliebe

  • ohne Selbstwertgefühl keine Werteerziehung

  • Werte, die konkret in diese Ausrichtung hinein zu verankern wären: Mut zum Ja- und Nein sagen, Entscheidungsfähigkeit, Bindungsfähigkeit. dafür braucht man Zeit; Friede, Gerechtigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit,

  • Handlungen, mit denen wir diesen Zielen nahe kommen könnten wurden besprochen

  • Ideenbörse: Wie tun wir Kindern Gutes im Sinne ihrer Werteerziehung

Prof. Dr. Dr. Wiater, Universität Augsburg

  • Im AK wurde die Methode der Fallanalyse an zwei Beispielen angewandt

  • Möglichkeiten rationaler Akte bewusster Anerkennung von Normen sind Dilemmageschichten, Rollenspiel, Standbild

  • Möglichkeiten der Selbstverpflichtung: Streitschlichterbüro, Klassenrat

  • Gleichzeitig geht es immer um die Handlungsdimension; das ganze Spektrum an Ordnungen und Regeln muss mehr oder besser genutzt werden

Die Bezirksvorsitzende Ursula Kiefersauer bedankt sich bei den Referenten und den Arbeitskreisleitern für die wertvollen Gedanken und beschließt unter starkem Beifall das 1. Erziehersymposion in Roggenburg.

Zusammenstellung dieses nicht vollständigen stichpunktartigen Mitschnitts:
Barbara Adleff und Karl Landherr